Sonntag, 4. Dezember 2016

[Rezension] Dominique Stalder: Der Wanderer - Die Schwarzen Klippen (Bd. 1)

Der Wanderer - Die Schwarzen Klippen (1)

Autor: Dominique Stalder
Genre: Fantasy, Dark Fantasy
Erschienen: 29.09.2016
Seiten: 420
Einband: eBook / Taschenbuch
Verlag: SadWolf Verlag
ISBN: 978-3-946446-17-0
Preis: 14,99€ [Taschenbuch] | 5,49€ [eBook]

Rating: 

Inhalt

"Verfolgt von den Dämonen seines Fluches hat der Wanderer die Grauberge überquert und sieht sich unmittelbar neuen Herausforderungen gegenübergestellt. Er rettet das Mädchen Maela vor der sicheren Schändung durch vier schwarze Reiter, die er schon bei der Schamanin Drakatia traf und in denen er die Chance sieht, einen Weg in die Unterwelt zu finden. Welches Geheimnis umgibt Maela? Schafft es der Wanderer, dem Dorf zu helfen und die Schwarzen Klippen von den Söldnern zu befreien? Und wer ist der dunkle Dämonenreiter, vor dem sogar Drakatia Respekt hatte?  Der Wanderer muss all seine Kraft aufwenden, um jene zu schützen, die er liebt." - Quelle: Verlag

Cover  

Schon beim Prologband der Reihe habe ich sehr für das Cover geschwärmt und auch in diesem Fall muss ich ein ganz deutliches Lob an den/die Künstler/in aussprechen, die die grafische Gestaltung übernommen hat. Die Farben sind schön und zugleich düster, und vermitteln damit die Stimmung zwischen den Buchdeckeln. Die Gestaltung und der Detailreichtum der Figur des Wanderers setzen wunderbar das fort, was das erste Cover begonnen hat: Sie schaffen eine wiedererkennbare Figur, die eins zu eins zu der Beschreibung passt, die das Buch dem Leser vermittelt. Ich kann mir keine bessere Darstellung der Hauptfigur wünschen. Das Mädchen, das zu seinen Füßen kauert bleibt dafür eher im Schatten - bei der ersten Betrachtung wäre es mir zunächst gar nicht aufgefallen. Laut Beschreibung sollen sich Maela und Myrael überraschend ähnlich sehen. Von dieser Ähnlichkeit ist, legt man die beiden Cover nebeneinander, leider nicht allzu viel erkennbar. Trotzdem habe ich gefallen an Maelas Darstellung gefunden, das freche rote Haar und die erschrockene Haltung angesichts des Dämons sind gut getroffen und schön gewählt. Wo wir auch schon bei meinem Kritikpunkt am Cover wären: dem abgebildeten Dämon. Ich kann mich nicht so ganz entscheiden ob er mir gefällt oder nicht. Der Kopf der Kreatur ist der eines Wolfs, sieht einerseits schön detailliert und gut gezeichnet aus, vermittelt mit den großen Ohren und der kleinen Schnauze eher den Anschein, ein Babywolf zu sein. Der Kopf sitzt perspektivisch merkwürdig verdreht auf dem Körper, die Flügel wirken zu klein, der linke Arm - der eines Menschen - viel zu lang und nicht halb so erschreckend wie im Buch beschrieben. Die ganze Figur sieht aus als sei sie wahllos zusammengeschustert worden ... und was episch hätte ins Bild ragen können, wirkt eher wie gewollt und nicht gekonnt. Und das obwohl der Rest des Covers so perfekt abgestimmt aussieht...

Charaktere  

Der Wanderer / Tulan: Die Entwicklung, die unser Protagonist vom Prologband zu Band 1 hin durchlebt, hat mir sehr gut gefallen. Vom namenlosen Ahnungslosen hin zum profilierten Krieger mit rechtschaffend-neutralem Wesen mit einem sicheren Ziel vor Augen, machte es mir die Entwicklung leichter, mich mit ihm zu identifizieren und mit ihm mitzufiebern. Anders als noch vor der Überarbeitung des Romans, als mir seine Entscheidungen und unnötig kalten Charakterzüge den Zugang zu ihm verwehrt hatten, finde ich jetzt gefallen an dem Charakter, der so handelt, wie ich es mir von ihm gewünscht hätte. Er ist ein rauer, dominanter Kerl mit einem guten Kern, der seine Prinzipien niemals verraten würde und für seine Freunde bereit ist, alles aufs Spiel zu setzen. Ich mochte auch seine Klugheit und seinen Einfallsreichtum, denn er befindet sich damit dem Urteilsvermögen nach immer auf der Höhe des Lesers, was es einfach macht, ihm zu folgen. Trotzdem hätte ihm ein bisschen mehr psychologische Tiefe noch mehr Schliff verpasst: Angesichts der schrecklichen Dinge, die er im Prologband durchleben musste, und seiner verfluchten Existenz hätte ich erwartet, dass er hin und wieder psychische Anzeichen zeigt, die für derartige Zustände nur verständlich wären. Doch er nimmt sein Unglück ohne mit der Wimper zu zucken hin und sucht zielstrebig nach einem Ausweg. Bewundernswert, aber vielleicht nicht zu hundert Prozent überzeugend. Ein großer Kritikpunkt ist, wie ich es schon häufiger genannt habe, seine starke Überlegenheit und Begabtheit in allen Dingen. In Rollenspielen wird soetwas häufig als "UBER" bezeichnet. Er ist begabt und gewandt im Schwertkampf. Er ist zielsicher und unaufhaltbar im Einsatz seiner Magie. Er ist rhetorisch und strategisch ein Ass. Er ist stets der einzig Vernünftige. Er ist einfach nicht besiegbar - und schafft es in Wut und ohne große Anstrengung ganze Tore aus den Angeln zu reißen. Mal abgesehen davon, dass er ohne Gedächtnis und ohne Erinnerung an seine Fähigkeiten erst vor relativ kurzer Zeit erwacht ist, ist diese Entwicklung seiner Stärke und Gewandtheit leider nicht überzeugend erklärt. Seine einzige Schwäche ist emotionaler Natur und das hat mich als Leser leider nicht ausreichend befriedigt. Gute Helden brauchen eine Schwäche - mindestens eine, denn erst damit macht man sie dem Leser verbunden. Es fühlt sich so an, als hätte man zwischen Prolog und Band 1 eine komplette Entwicklungsstufe einfach verpasst. Vom unbeschriebenen Blatt zum begabten Schwertkämpfer und noch mächtigeren Magier kann es doch unmöglich nur ein halbes Jahr gedauert haben?

Maela: Ich hatte es in meiner Rezension zur vorherigen Version des Buches bereits erwähnt: Ich bin ein großer Fan von Maela. Sie ist eigensinnig, stark und klug, gleichzeitig aber auch naiv und übermütig und überschätzt sich häufig selbst. Ihr jugendlicher Tatendrang bringt sie immer wieder in verzwickte Situationen, da sie die Konsequenzen ihres Handelns nie so recht abschätzen kann. Sie ist wie der verspielte kleine Schwester, die ich nie hatte. Mir gefällt die Eigendynamik mit der sie die Dörfler und den Wanderer aufmischt und mit ihrem Leichtsinn eigentlich nur Chaos stiftet im Grunde besser, als der Wanderer, der immer alles richtig macht. Ein wenig verwirrt war ich über die Fremd- und Selbstwahrnehmung bezüglich ihrer Jugend: Sie selbst und der Wanderer sprechen über sie als sei sie noch ein "Kind", während sie sich allerdings benimmt wie eine junge Erwachsene und andere Charaktere in ihrem Körper den Körper einer ausgewachsenen Frau sehen. Sie wird (überdurchschnittlich oft) Opfer von sexuellen Übergriffen, von denen schlecht alle irgendwie pädophil motiviert sein können. Oft hat man im Mittelalter die Kinder bereits mit 12 Jahren verheiratet - natürlich kann man in einer Fantasywelt nicht von gleichen Gesetzmäßigkeiten ausgehen, ich persönlich war dennoch immer wieder davon verwirrt, dass ich mir Maelas wahres Alter nicht so recht vorstellen konnte. Sie bleibt für mich dennoch der vielversprechendstest Charakter im Buch! 

Schreibstil  ♥♥

Ich begleite Dominique Stalder nun schon eine ganze Weile und habe immer wieder seine Schwächen bezüglich falsch gesetzter Redewendungen angemerkt. Dahingehend hat er sich gerade in diesem Band sehr stark verbessert! Auch unnötige, fehlende oder unregelmäßige Kommasetzung wurde in diesem Band besonders gründlich ausgemerzt, sodass ich mich ganz entspannt auf das Lesen und den Text konzentrieren konnte. Bravo! Generell hat sich der Autor sprachlich derart verbessert, dass seine Geschichte inzwischen spannend und geschmeidig dahinfließt, ohne durch kleine Störungen im System an Authentizität zu verlieren. Er schafft es, Szenen packend, ja geradezu filmreif zu inszenieren und den Leser mit besonders actionreichen Momenten immer wieder zu hooken. Ich habe mich während seiner Erzählung kein einziges Mal gelangweilt, sondern mich von einem Abschnitt zum nächsten gehangelt, weil es so spannend war. Auch wenn an manchen Stellen die Macht des Wanderers zu übertrieben dargestellt wurde (siehe die Szene mit dem wegfliegenden Tor) oder einige Logikfehler zu finden sind, wie eine Konversation über fünf Stockwerke hinweg ohne Verständigungsprobleme, konnte ich leicht über sie hinwegsehen. Es mangelt an mancher Stelle jedoch noch ein wenig an sprachlicher Präzision, denn gerade bei den Kampfszenen fiel er mir oft schwer, den Beschreibungen mit meiner Fantasie zu folgen, wenn hier und da ein notwendiges Detail in der Beschreibung fehlte. Alles in allem ist die Verbesserung jedoch deutlich zu spüren und ich kann nur sagen: Weiter so!

Handlung  ♥♥

An der groben Handlung hat sich seit der Überarbeitung des ersten Bandes nicht allzu viel getan, doch die Zusammenhänge und Kausalitäten zwischen den einzelnen Begebenheiten fühlen sich nun runder und stimmiger an. Wir haben spannende Kämpfe, tolle Dialoge, einen tollen Antagonisten und viel grimmigen Hass, eigentlich alles was ein gute Dark-Fantasy-Roman braucht. Doch auch hier fanden sich hin und wieder Logikfehler, die mich stutzig werden ließen. Ein Lehnsherr, der sein Land nicht schützt und Späher, die nicht auf einen Kampf vorbereitet sind stießen mir sauer auf. Wie immer ist es mal wieder menschliche Grausamkeit, Dummheit und Feigheit, die überhaupt erst zu einem Konflikt führt. Dies ist keine Kritik am Text, immerhin können wir dasselbe jeden Tag in den Nachrichten beobachten... Alles in Allem ist die Handlung - abgesehen von ein paar logischen Ungereimtheiten - stimmig und spannend bis zum Schluss, ich kann sie also jedem ans Herz legen, der auf der Suche nach einer etwas düstereren Abenteuergeschichte hat.

Gesamtwertung 

Zähle ich meine Bewertungen zusammen und errechne den Durchschnitt, komme ich auf genau 3,5. Es liegt also in meinem Ermessen, ob ich meine Notengebung auf- oder abrunden möchte. Bedauerlicherweise habe ich mich in diesem Fall für das Abrunden entschieden, da ich finde, dass Band 1 nicht an den überarbeiteten Prologband herankommt. Es ist eine deutliche Verbesserung zu spüren, besonders was die Kausalzusammenhänge und die sprachliche Gewandheit angeht. Besonders gefreut habe ich mich über die neu eingeführten politischen Parteien, von denen man anfangs noch nicht so viel mitbekommen hat. Es gibt der Welt Leben und Tiefe, die ihr gefehlt hat. Trotzdem wirkt die Welt noch immer ein bisschen unausgereift. Sicher, man kann nicht alles an Tolkien, Martin oder Rothfuss messen, doch ein mehrteiliger Fantasy-Epos ist ein großes Projekt, von dem ich mir mehr Komplexität und Weltentiefe erwarten würde. Ortsnamen, Religionen, Riten und Bräuche, das alles fehlt der Welt des Wanderers noch zu einem Großteil. Lebendigkeit. Draußen in Drakatias Sümpfen, fernab der Zivilisation bedarf es dieser Details nicht. Doch nun haben wir eine Dorfgemeinschaft und einen politischen Konflikt als Bühne der Handlung, man hätte noch etwas mehr herausholen können. Gepaart mit den Logikfehlern im kleinen und großen Stil, sowie dem für mich immer noch etwas zu mächtigen Protagonisten, habe ich mich entschieden, dieses Mal drei Herzen zu vergeben. Ich hatte dennoch eine tolle Zeit mit dem Wanderer und bin schon gespannt, wie sich die Geschichte des namenlosen Helden in Zukunft entwickelt ... und ob auch die Welt, in der er lebt, mit der Zeit noch mehr Detail bekommt.



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- Eure Bücherfüchsin