Mittwoch, 21. März 2018

[Rezension] Nils Mohl - Es war einmal Indianerland

Es war einmal Indianerland (Bd. 1)

Autor
: Nils Mohl

Genre: Jugendliteratur, Slice of Life
Erschienen: 1. Februar 2011
Seiten: 448
Einband: Taschenbuch
Verlag: rowohlt Rotfuchs
ISBN: 978-3-499-21552-0
Preis: 12,99 € [DE], 13,40€ [A]

Rating: ♥♥






Inhalt

"Stell dir vor, du bist 17 und lebst in den Hochhäusern am Stadtrand. Der Sommer ist heiß. Es ist Mittwochnacht, als dir Jackie den Kopf verdreht. Im Freibad. Fuchsrotes Haar. Sandbraune Haut. Stell dir vor, wie dir die Funken aus den Fingern sprühen vor Glück. Und plötzlich fliegt die Welt aus den Angeln: Zöllner erwürgt seine Frau. Edda, die 21-Jährige aus der Videothek, stellt dir nach. Mauser steigt mit Kondor in den Ring. Immer wieder meinst du, diesen Indianer mit der Adlerfederkrone zu sehen. Und dann zieht zum Showdown ein geradezu biblisches Gewitter auf – fühlt es sich so an, erwachsen zu werden?" - Quelle: Verlag

Cover ♥♥♥

Über das Cover gibt es in diesem Fall nur recht wenig zu sagen: Es ist abstrakt und schlicht gehalten und verrät dadurch nur wenig über den tatsächlichen Inhalt des Buches. Mit dem Titel scheint es zunächst gar nicht zu korrelieren - im Gegenteil -, statt indigener Stereotype finden wir hier eine Darstellung, die ihnen komplett entgegen zu stehen schein: Der Blick in einen pastell-gelben Himmel, gerahmt von Hochhäusern in mattem Grün und knalligem Rot. So untypisch wie in Assoziation mit dem 'Indianer'-Bild des Titels bleibt es auch als Repräsentation eines städtischen Häuserblocks - die geradezu fröhlichen Farben kontrastieren den triste Grau, dass der Betrachter erwartet, geben den beiden Gebäuden einen angenehmen, aber deutlich surrealen Farbton. Mit etwas Fantasie könnte man in der symmetrischen Form der Hochhäuser auch Ansätze einer Federkrone erkennen, wie man sie aus eurozentristischen Karl-May-Adaptionen kennt. Beides passt auf jeden Fall wunderbar zum Inhalt des Buches, der unter anderem zwischen Großstadt-Wüste, kunterbuntem Drogentreiben und einem Indianerhäuptling rangiert. Als Käufer spricht mich das Cover allerdings eher weniger an, eben weil es auf den ersten Blick so schrecklich wenig aussagekräftig ist.

Charaktere ♥♥♥♥♥

Mauser: Wer bin ich eigentlich? Der 17-Jährige Junge aus dem Hochhaus-Block weiß selbst nicht so recht, wohin mit sich: Eigentlich sollte er sich auf den nächsten großen Boxkampf vorbereiten, auf den er sich schon so lange freut, doch dann kommt ihm etwas dazwischen, das niemand hätte ahnen können - sein Vater, Zöllner, tötet im Streit Mausers Stiefmutter und macht sich anschließend aus Angst vor der Polizei aus dem Staub. Von jetzt auf gleich ist Mauser ganz allein auf der Welt und der Vater, von dem er immer dachte, dass er ihm ähnlich sein wolle, lässt ihn im Stich. Plötzlich erkennt er nicht einmal mehr wer er wirklich ist: Im Dialog mit 'Mauser', seinem alten Boxer-Ich und Sohn des Mörders Zöllner, begibt sich das Ich, das einmal Mauser gewesen sein muss, auf die Suche nach sich selbst. Die unterbewusste Verarbeitung der schrecklichen Vorkommnisse passiert dabei so geschickt, dass sie den Leser nach und nach auf die Spur bringt, welche psychologische Anstrengung es für den Jugendlichen kosten mag, diesen Schock zu verarbeiten. Geschickt unterscheidet Nils Mohl zwischen 'Ich', als verletzlichen, unsicheren und konturlosen Kern des Protagonisten, und 'Mauser', als selbstbewusste, starke Maske, die sich das 'Ich' hin und wieder überstülpt, wenn es sich selbst verteidigen muss. In Mauser findet 'Ich' gleichermaßen einen Schutz, etwas hinter dem er sich verstecken, jemanden, den er vorschicken kann, wie auch ein verlorenes Selbst, das es erst noch wiederzufinden gilt. Dabei behilflich sind ihm auch die beiden Mädchen, Jackie und Edda, die ihn in den letzten Tagen dieses Sommers begleiten: Jackie, die so perfekt ist und eigentlich viel besser zu Mauser, dem Abziehbild seines Mörder-Vaters passen würde, und Edda, die dem 'Ich' eigentlich all das gibt, was es braucht: Halt, Nähe, Unterstützung und Gleichberechtigung. Autor Nils Mohl schafft es auf wunderbare, faszinierende Weise diesen Charakter zu porträtieren und ihn dabei zu begleiten, wie aus seinem Ungleichgewicht langsam ein Gleichgewicht wird.

Jackie & Edda: In 'Es war einmal Indianerland' geht es nicht um Jackie oder Edda, nicht um Zöllner oder Ponyhof, es geht um Mauser. Und alle anderen Charaktere erscheinen gegen ihn wie rein funktional gesetzte Figuren, wie Wellen im Ungleichgewicht des Jugendlichen, nicht aber wie individuelle Charaktere. Jackie beispielsweise ist die wunderschöne, perfekte, rothaarige Vorstadtbraut aus dem Villenviertel, die nicht nur leicht zu haben, sondern eigentlich auch ziemlich langweilig ist. Sie bleibt über den Roman hinweg flach und wenig ausgebaut, denn im Zentrum steht Mausers (sexuelle) Gier nach dem, was er sich selbst verwehrt - wir haben also immer wiederkehrende Beschreibungen ihres Äußeren, ihres Geruchs, ihrer Stimme, ihrer Makellosigkeit, und nur sehr selten mal einen Einblick in ihre tatsächliche Gefühlswelt.
Edda dagegen weiß ganz genau, wen sie vor sich hat, als sie Mause in der Videothek das erste Mal begegnet. Mit ihrer Wildschweinbrosche, ihrer Brille, ihren Strickjacken und Kleidchen wirkt sie zunächst wie das genaue Gegenteil von Jackie, hat aber mit der Zeit eine ganz ähnliche Wirkung auf den Protagonisten. Anders als Jackie ist sie nicht einseitig beschränkt und stets auf sich selbst und ihre Schönheit fixiert, sie ist auch Mauser fixiert - und zwar auf das weiche, verletzliche 'Ich', das mit voranschreiten des Romans immer mehr an Präsenz gewinnt. Sie ist liebenswert, intelligent, humorvoll und aufregend im Sinne von 'anders' - und vielleicht auch ein bisschen gruselig, weil sie Mauser geradezu zu verfolgen scheint. Auch wenn wir wenig über ihren familiären Hintergrund erfahren, lernen wir Edda rein gefühlsmäßig wesentlich besser kennen als Jackie, denn sie offenbart ihre Gefühle nicht nur auf handgeschriebenen Postkarten, die sie Mauser immer wieder zusteckt, sie gerät auch als eine der wenigen Figuren im Roman in eine direkte Auseinandersetzung mit ihm.
Die Mädchen stellen beide auf unterschiedliche Weise Lebensabschnitte des Protagonisten dar - anhand ihrer Eigenschaften lassen sich die psychologischen und Reife bedingten Fortschritte Mausers gut ablesen; denn so wie er sich in ihnen spiegelt, spiegeln sie sich auch in ihm wieder.

Schreibstil ♥♥♥♥♥

Zugegeben, Nils Mohls Schreibstil ist äußerst gewöhnungsbedürftig. Kurze, stakkatoartige Satzstrukturen, knappe Beschreibungen, schlagfertige Dialoge und viele Szenen-Schnitte, die ohne sichtbare Kennzeichnungen durch einen Absatz passieren. Auf diese Weise scheint der Text geradezu vor sich hin zu fließen - und manchmal kennt man sich (zurecht!) in der Zeit- und Handlungsstruktur des Romans überhaupt nicht mehr aus, bevor die einzelnen Fäden am Schluss wieder zusammenfließen. Die jugendliche Sprache ist hier und dort etwas altmodisch, aber im großen und ganzen überraschend natürlich getroffen, sodass ich mich als Mitte-20-Jährige überraschend zuhause gefühlt habe. Bloß, dass der Autor zu lasten der Authentizität beinahe komplett auf Schimpfwörter verzichtet, was der Textästhetik wiederum sehr zu Gute kommt. Während sich der Schreibstil am Anfang noch ungewohnt holprig anfühlt, entwickelte er sich für mich im Lauf des Romans zu einem sanften, fast lyrischen Fluss - ich gewöhnte mich an die Sprache, wie ich mich an den wortkargen, etwas seltsamen Mauser und sein 'Ich' gewöhnte - und die Seiten flogen bloß so dahin, als hätte ich nie etwas anderes getan. Am eindringlichsten fiel mir die großartige Fähigkeit des Autors auf, kleinste Bewegungen und Details in so wenigen Worten und Sätzen zusammenzubringen und trotzdem ein so präzises, natürliches Bild des beschriebenen vor das innere Auge zu projizieren.Ich glaube ich habe noch nie im Leben eine authentischere, natürlichere Darstellung eines Musik-Festivals gesehen bzw. gelesen wie in 'Es war einmal Indianerland' - die Stimmung, die Gerüche, die Eindrücke, die bei einem Festival auf einen einprasseln waren trotz der minimalistischen Beschreibungen so wahnsinnig plastisch, dass man meinen könnte, man stünde direkt hinter Mauser im Matsch.

Handlung ♥♥♥♥

Um der Handlung von 'Es war einmal Indianerland' folgen zu können, muss man dem Buch zunächst etwas Zeit geben. Was wie eine banale, jugendliche Liebesgeschichte beginnt, entwickelt sich im Laufe des Buches zu einer psychologisch so authentischen und spannenden Geschichte über einen Jungen, der erst alles verliert - sogar sich selbst - und dann einen Weg findet, sich auf die ein oder andere Art wiederzuholen, was er verloren hat. Dazu bedarf es allerdings zunächst etwas Geduld, denn der Roman gliedert sich nicht nur in zwei Teile, die jeweils einen Entwicklungsstatus des jugendlichen Mauser darstellen, sondern zunächst auch eine scheinbar beliebige Reihenfolge der Kapitel. Wie bei einem Ton- oder Videoband spult die Geschichte im Erzählstrang vor und zurück, mal bloß 24 Stunden, mal drei, vier oder fünf Tage. Zusätzlich finden innerhalb der Kapitel Zeitsprünge im Sinne von nicht gekennzeichneten Erinnerungen statt, sodass man sich den Roman im Großen und Ganzen wie ein riesiges Puzzle vorstellen kann, dass sich erst mit zunehmenden Lesefortschritt nach und nach zusammensetzt. Ab der zweiten Hälfte des Romans hat man bereits ein ganz gutes Gefühl dafür, was wann wie und wo im zeitlichen Ablauf der Handlung geschehen sein muss, um ein kohärentes Ganzes zu ergeben. Dazu ist aber stets die Mitarbeit und das Mitdenken des Lesers gefragt. Wer sich von der chaotischen Reihenfolge der Kapitel frustrieren lässt, wird es eventuell schwer haben, einen Zugang zum Roman zu finden. Generell ist die Geschichte, die Nils Mohl in seinem Roman erzählt, eine tragische und eine sehr spannende, die leider erst Zeit braucht, um so richtig in Fahrt zu kommen. Ich selbst brauchte mindestens 150 von 350 Seiten, um mich überhaupt orientieren zu können. Es fühlt sich ein bisschen an wie die steile Auffahrt bei einer Achterbahn, die unendlich lange zu dauern scheint - doch was danach kommt, ist die Mühe allemal wert!

Gesamtwertung ♥♥♥♥♥

Ich habe 'Es war einmal Indianerland' im Rahmen einer Vorlesung zu Kinder- und Jugendliteratur und deren filmische Adaptionen gelesen und war zugegebenermaßen zunächst skeptisch, ob dieser Roman etwas für mich ist. Schließlich habe mich (un)wissentlich eher auf fantastische Jugendliteratur spezialisiert, weil mir realistische Jugendliteratur oftmals zu sehr unter die Haut geht. 'Es war einmal Indianerland' geht unter die Haut - aber auf eine positive, fast aufputschende Weise. Ich habe mich nicht nur aufgrund der jugendnahen Sprache und der natürlichen, authentischen Beschreibungen wie zuhause gefühlt, sondern auch, weil ich das Gefühl hatte, dass Autor Nils Mohl hier den Nerv meiner Generation trifft. Schließlich war ich, als der Roman 2011 erschien, 17 Jahre alt. Die psychologische Entwicklung der Selbstfindung ist zwar in Mausers Fall ein Extrembeispiel, betrifft aber - mal mehr und mal weniger - jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten. An viele der Gedanken, Gefühle und Probleme, die der Protagonist mit sich selbst hat, kann ich mich noch heute sehr gut erinnern; manche von ihnen sind vielleicht sogar bis heute noch präsent. 'Es war einmal Indianerland' war für mich, wie bereits beschrieben, eine Achterbahnfahrt: Die Geschichte und ihre Sprache haben lange gebraucht, mich für sich zu gewinnen, aber als ich einmal drin war, wollte ich gar nicht mehr aufhören zu lesen. Für mich ist dieses Buch eine absolute Empfehlung für jeden, der etwas Mut zur Selbsterprobung hat!

Spannung
Romantik
Humor
Gewalt
Action

- Eure Bücherfüchsin

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